Mein schönes Leben

Eine Frage, die sicherlich jeden einmal (oder wahrscheinlich häufiger) umtreibt: Was will ich wirklich im Leben? Mich beschäftigt sie dieses Jahr auch immer wieder – ob das an Corona liegt oder daran, dass ich einen runden Geburtstag hatte oder ob das einfach Zufall ist, ich kann es nicht sagen. Als die wunderbare Sandra Liane Braun zur Blogparade zu diesem schönen Thema aufgerufen hat, war für mich sofort klar: Da bin ich dabei! Denn alles einmal aufzuschreiben, statt sich nur Gedanken darüber zu machen, tut einfach gut und ist befreiend. Und den Zusatz „Mein schönes Leben“ finde ich besonders toll, denn er lenkt den Fokus direkt auf die schönen und guten Dinge, die wir im Alltag doch allzu oft vergessen. Schade eigentlich!

Ich warne hier an dieser Stelle schon einmal vor: Es könnte ein etwas längerer Artikel werden. Aber vielleicht bietet er dir auch den einen oder anderen Gedankenanstoß und vielleicht hast du sogar Lust, selbst bei der Blogparade mitzumachen? Sie läuft noch bis zum 9. September 2020.

Das Gute im Schlechten

Im Moment bin ich im Großen und Ganzen recht zufrieden mit meiner Situation. Corona hat ein wenig Ruhe reingebracht, ich hatte weniger Freizeitstress, weniger Verpflichtungen und dafür etwas mehr Ruhe und Zeit für mich. Das weiß ich sehr zu schätzen. So sehr, dass ich mir sogar überlegt habe, die eine oder andere Verpflichtung an den Nagel zu hängen. Ob ich das wirklich mache, weiß ich noch nicht, im Moment genieße ich es einfach, dass ich mich zurückziehen kann, wenn mir danach ist, ohne dafür Termine absagen zu müssen oder jemanden zu enttäuschen. Als introvertierter Mensch ist mir diese Ruhe nämlich sehr wichtig. Und so kann ich bei Corona durchaus auch das Gute im Schlechten sehen.

Auch sonst könnte es zur Zeit schlechter laufen. Gesundheitlich geht’s mir und meiner Familie weitgehend gut. Beruflich habe ich zwar die Auswirkungen von Corona auch ein wenig zu spüren bekommen, aber nicht so stark, dass ich in ernsthaften Schwierigkeiten wäre. Jetzt läuft es wieder an und ich muss sehr fokussiert arbeiten, um nicht in Stress zu geraten. Das habe ich aber im Laufe der Jahre gelernt, von daher – alles bestens. Es gibt eigentlich nur zwei Dinge, die in diesem seltsamen Jahr weniger toll waren: Das ausgefallene Open Air-Konzert mit einer Deutschlandpremiere mit dem anwesenden Komponisten und der Urlaub, der mir fehlt. Wir waren zwar ein paar Tage in Hamburg, was ganz toll war, aber eigentlich hatte ich für dieses Jahr ein paar Tage Schottland auf dem Plan. Nun ja, aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Fehlen tut’s mir trotzdem ein wenig. Ich freue mich aber auf ein paar ruhige Tage zuhause im Oktober.

Ein langweiliges Leben?

Eigentlich ist es grade fast schon langweilig. Und was soll ich sagen? Ich mag es grade auch genau so. Unaufgeregt, ohne größere Katastrophen, weitgehend harmonisch. Hey, was will man eigentlich mehr? Ich habe einen wundervollen Mann, zwei süße Katzen, die mir tagtäglich Freude bereiten und Leben in die Bude bringen, einen Vater, der mit seinen 76 Jahren noch erstaunlich fit ist (so lange er meckert, ist alles gut), ein Dach über dem Kopf und immer einen gefüllten Kühlschrank. Damit geht es mir besser als der Mehrheit der Menschen. Und ich bin dafür verdammt dankbar. Wenn ich ehrlich bin, ist es auch überhaupt nicht langweilig, denn ich finde immer etwas zu tun. Ich hab einfach zu viele Interessen, als dass es mir jemals langweilig würde.

Alles eine Frage der Perspektive

Der Sommer hat sich zumindest kurz von seiner besten Seite gezeigt – ja, ich mag es warm, ich bin ein Sommermensch! Meine neuen Nachbarn hören mit offenem Fenster lateinamerikanische Musik und ich sitze im Takt wippend bei einer Tasse Kaffee auf dem Balkon oder tanze die Hüften schwingend durch die Küche. Und vielleicht bekommen wir im Winter ja auch mal wieder mehr als ein paar Schneeflocken. Wenn nicht, fällt schon das Schnee schippen weg. Du merkst, ich bin eine hoffnungslose Optimistin. Aber ich glaube, dass auch genau das mein Schlüssel zum Glück ist: Ich bin in der Lage, auch mal die Perspektive zu wechseln und Situationen von der anderen Seite zu betrachten. Das heißt, wenn etwas nicht so toll ist – der fehlende Schnee – dann schau ich einfach von der anderen Seite drauf und stelle fest: Hey, dafür hab ich weniger Arbeit, weil der Schnee auch nicht geräumt werden muss, wenn er gar nicht da ist. Denn alles, wirklich alles hat zwei Seiten.

Das habe ich ganz besonders zu spüren bekommen, als 2011 meine Mutter krank wurde. Das war die wahrscheinlich härteste Zeit in meinem Leben. Wir waren gerade dabei, unsere Hochzeit zu planen, der Termin stand, die Location war gebucht, das Kleid gekauft. Und dann die Hiobsbotschaft: Die Chemo schlägt nicht mehr an. Meine Mutter kam auf die Palliativ-Station, und mir war sofort klar, was das bedeutete. Sieben Wochen vor unserer Hochzeit starb sie. Und obwohl ich mich natürlich im Vorfeld damit befasst hatte und wusste, dass dieser Tag kommen würde, war es ein Schlag ins Gesicht. So schnell hatte ich nämlich nicht damit gerechnet.

Das Beste draus machen…

Nach reiflicher Überlegung und Rücksprache mit meinem Vater haben wir uns relativ kurzfristig dazu entschlossen, trotzdem zu heiraten. Zum einen, weil meine Mutter das sicher auch so gewollt hätte. Zum anderen, weil sie immer fehlen würde, egal ob jetzt oder in einem Jahr oder in zehn Jahren. An solch einem Tag fehlt eine Mutter immer! Die kirchliche Hochzeit hatten wir schon früher abgesagt, als uns klar wurde, dass meine Mutter dafür nicht die Kraft hätte. Abgesehen davon war es für meinen Mann und mich auch nicht so wichtig, das wäre tatsächlich nur das Erfüllen von Erwartungen gewesen. (Das spreche ich heute das erste Mal laut aus, bisher habe ich diesen Gedanken tief in meinem Kopf verschlossen gehalten.) Also gab es eine standesamtliche Trauung und einen Polterabend. Und was soll ich sagen? Von diesem Polterabend reden die Leute heute noch! Es war ein rauschendes Fest, ein Fest, das zu uns gepasst hat, bei dem alle unsere Freunde dabei waren, all diejenigen, die uns auf unserem bisherigen Lebensweg begleitet hatten und die diesen Tag für uns zu einem unvergesslichen Tag haben werden lassen. Nicht unsere Hochzeit war der schönste Tag in meinem Leben, sondern unser Polterabend.

Akzeptieren, was man nicht ändern kann

Ich denke, du verstehst jetzt, was ich meine mit „alles hat zwei Seiten“. Und es ist nichts so schlecht, dass es nicht auch für etwas gut wäre. Ich habe damals gelernt, dass es überhaupt nichts bringt, nach dem Warum zu fragen. Manchmal muss man Dinge einfach hinnehmen. Weil es keine Erklärung gibt. Weil es einfach so ist und wir es nicht ändern können. Ich habe schmerzlich gelernt, das zu akzeptieren, und es hilft mir heute in vielen Situationen.

Dafür gibt es aber auch sehr viele Dinge, die wir ändern können. Unsere Einstellung zum Leben zum Beispiel. Es mag abgedroschen klingen, aber wir haben es in der Hand, ob unser Glas halb voll oder halb leer ist. Und wir haben es in der Hand, aus dieser Welt einen besseren Ort zu machen. Vielleicht können wir keine Kriege verhindern und keine Naturkatastrophen. Wir können auch nicht alle retten.

Die kleinen Freuden im Leben

Aber jeder von uns kann mit kleinen Dingen der Welt ein freundlicheres Gesicht geben. Das fängt dabei an, dass man die Verkäuferin beim Bäcker anlächelt – das geht übrigens auch ganz wunderbar mit Maske, denn ein Lächeln sieht man auch durch diesen Fetzen Stoff durch, man erkennt es an den Augen, an der Körperhaltung, an der Stimme. Oder dass wir einfach mal wieder die Freundin anrufen, von der wir so lange nichts gehört haben. Dass wir der Nachbarin Blumen bringen. Oder jemandem im Supermarkt etwas aus dem Regal geben, an das er selbst nicht herankommt. Das sind alles Kleinigkeiten, die uns nicht weh tun, kaum Aufwand erfordern – aber die eine große Wirkung haben. Und wenn jeder ein bisschen weniger stinkstiefelig ist und dafür ein bisschen mehr lächelt, wenn jeder den anderen so sein lässt, wie er ist, ohne ständig zu verurteilen, dann machen wir diese Welt zu einem besseren Ort. Für uns und für die anderen.

Bewusst und dankbar

Aber ich schweife ab… was ich dir mit dieser Geschichte eigentlich erzählen wollte: Das war für mich ein Wendepunkt im Leben, seither lebe ich sehr viel bewusster und dankbarer um jeden Tag, den ich erleben darf. In dieser Zeit habe ich mehr Menschen als nur meine Mutter verloren. Aber um die ist es nicht schade, denn ihnen war ich nicht wirklich wichtig. Warum also sollten sie mir wichtig sein? Das ist eben eine Art natürliche Auslese. Andere Freunde sind mir noch sehr viel enger ans Herz gewachsen.

Sicherlich wäre einiges anders gelaufen, wenn meine Mutter noch hier wäre. Aber es bringt ja nun auch nichts, daran zu hadern und über das „was wäre wenn“ nachzudenken. Viel wichtiger ist doch, was tatsächlich ist und was man daraus machen kann.

Die Richtung stimmte schon immer

Wenn ich zurückblicke auf meine Kindheit, dann ist vieles geblieben – nur die Perspektive hat sich verändert. Eine Zeit lang wollte ich Tierärztin werden. Heute bin ich Dosenöffner für zwei Katzen, die beide Findelkinder sind und bei uns ein Zuhause gefunden haben. Auch Archäologin wollte ich mal werden – und in meinem heutigen Job grabe ich die verborgenen Schätze meiner Kunden aus, um sie in Textform zu verpacken. Ich habe mich schon immer fürs Reisen interessiert, bis heute. Und ich habe schon immer gerne gelesen und Sprachen gemocht – auch das ist mir erhalten geblieben. Meine Hobbies und Interessen (und genau genommen sogar die früheren Berufswünsche) drehen sich im weitesten Sinne alle um Sprache und Geschichten. Und hier kommt ein Traum ins Spiel, den ich schon lange hege: Ein Buch schreiben. Ein Traum, den ich mir noch nicht erfüllt habe. Ich habe das Gefühl, die Zeit ist noch nicht reif dafür. Das ist keine Aufschieberitis, sondern einfach so eine Intuition. Und wenn ich eines in den letzten vierzig Jahren gelernt habe, dann ist es, auf mein Bauchgefühl zu hören. Denn der Bauch hat immer recht.

Das Leben ist schön!

Ja, mein Leben heute ist schön. Nein, es ist nicht perfekt – es wird nie perfekt sein, und das ist gut so. Denn ohne Schwarz kein Weiß, ohne Gut kein Böse und ohne, dass auch mal was nicht so dolle läuft, verliert man auch den Blick für die schönen Seiten. Mir lag auf der Zunge, dass ich für ein schönes Leben nicht viel brauche. Aber wenn ich mal genau nachdenke, dann habe ich verdammt viel! Das Leben ist für mich schön, weil ich das große Glück habe, ein Dach über dem Kopf und einen immer gefüllten Kühlschrank zu haben. Weil ich wunderbare Menschen um mich habe, die mich schätzen und für mich da sind. Weil ich einen Job habe, den ich gerne mache. Weil ich jeden Morgen aufstehen und der Welt ins Gesicht lächeln kann. Weil ich hingehen kann, wann und wo ich will. Weil ich Hobbys habe, die mir Freude bereiten. Weil es mir besser geht als den meisten Menschen auf der Welt.

Wie siehst du das? Empfindest du dein Leben als schön? Wenn ja, warum? Und wenn nicht, was könntest du ändern, dass du es als schön empfindest? Ich freue mich über deinen Kommentar!

1 Kommentar
  1. Sandra Liane Braun
    Sandra Liane Braun sagte:

    Liebe Elke,
    wie schön, dass Du an meiner Blogparade teilgenommen hast und diesen schönen Artikel geschrieben hast. Ich hatte zwischendurch Tränen in den Augen und freue mich gleichzeitig darüber, wie Du die Welt und das Leben siehst. Ich durfte Dich wieder ein Stückchen besser kennenlernen – Danke dafür! Und was soll ich sagen… bei so vielen Deiner Sätze saß ich nickend und lächelnd vorm Bildschirm. Danke für das gute Gefühl.

    Liebe Elke,
    fühl Dich umarmt.

    Alles Liebe
    Sandra

    Antworten

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Wenn du die Kommentarfunktion verwendest, wird aus Sicherheitsgründen auch deine IP-Adresse gespeichert. Weitere Informationen über die Datenspeicherung und -Verarbeitung findest du in meiner Datenschutzerklärung