Schon bei der ersten Runde der Blogparade hatte ich immer wieder den Gedanken: Aber manche Dinge muss man doch einfach tun? Den hab ich dann gekonnt beiseite geschoben, aber er brodelt immer wieder in mir. Diesmal hatte ich für mich selbst eine andere Herangehensweise an das Thema „Eines Scheiß muss ich“: Bewusst habe ich das Thema diesmal etwas offener gelassen als bei der ersten Runde (da hieß es noch „Warum man nicht jeden Trend mitmachen muss“). Ich war gespannt, wie es von den verschiedenen Teilnehmern ausgelegt werden würde.

Mir selbst geht es diesmal vielmehr darum, dass man sich von überflüssigem Ballast, unnötigem Druck und überhöhten oder falschen Erwartungen anderer befreit. Dass man seinen eigenen Weg findet statt wie ein Lemming einfach blind der Masse hinterherzurennen. Denn genau so meine ich „Einen Scheiß muss ich…!“ auch. Der eigene Weg, der für mich richtig ist, für andere aber nicht zwingend zum Erfolg führen muss. So wie all das „Mach es genau so und du wirst erfolgreich sein“ eben auch nicht für alle zum Erfolg führen kann, weil es eben meistens kein Schema F gibt, das für alle funktioniert, weil man immer an individuelle Gegebenheiten anpassen muss.

Manchmal braucht es den Impuls von Außen…

Ich muss gestehen, dass ich selbst viel zu viele Ideen und Gedanken hatte, über die ich hätte schreiben können. Und es fiel mir unglaublich schwer, mich für eine Richtung zu entscheiden. Als ich dann den Artikel von Claudia Kauscheder gelesen hab, ging mir noch ein anderer Gedanke durch den Kopf – danke dafür, liebe Claudia! Schon vor einiger Zeit hatte ich mal über die Macht der Worte geschrieben. Und genau daran möchte ich heute nochmal anknüpfen.

Kein Mensch muss müssen oder so ähnlich

Tatsächlich mag ich das Wort „muss“ bzw. „müssen“ nicht. Denn es schafft – oft unbewusst – Druck, der eigentlich unnötig ist. Ein Beispiel gefällig? „Ich muss mal wieder XY anrufen.“ – damit setze ich mich selbst unter Druck und mache mir ein schlechtes Gewissen. Außerdem ist es nicht sonderlich wertschätzend der anderen Person gegenüber. Vielleicht ist es so besser: „Ich möchte mal wieder XY anrufen.“ Oder: „Ich nehme mir die Zeit, um XY anzurufen.“ Hier gibt es zig Möglichkeiten, wie man das anders formulieren kann und wie man dem Satz eine ganz andere Bedeutung gibt. Manchmal tut’s übrigens auch ein einfaches: „Ich mach das jetzt“. (Okay, meistens sogar!)

Das Muss-Experiment

Worte beeinflussen unser Fühlen, unser Denken, unser Handeln. Die Werbung macht sich das zunutze, klar. Aber wir können die Macht der Worte selbst auch für uns nutzen. Nicht nur beim Schreiben, sondern auch im Alltag.

Vor einiger Zeit habe ich mal das Experiment gewagt, das Wort „müssen“ aus meinem Wortschatz zu verbannen. Anfangs bin ich noch sehr häufig darüber gestolpert und hab mich dann korrigiert. Mit der Zeit ist das immer seltener passiert. Und was soll ich sagen: Ich hab mich gut damit gefühlt. Leider hab ich irgendwann damit aufgehört, bewusst auf das „müssen“ zu verzichten. Es wäre doch mal ne Idee, einmal im Jahr ein „Muss-Fasten“ zu machen. Das hat den netten Nebeneffekt, dass man sich viel bewusster damit auseinandersetzt, was man sagt und wie man es sagt. Und das tut natürlich auch dem Schreiben gut. Aber ich schweife ab…

Nutze die Macht der Worte

Mein eigentlicher Gedanke für diesen Artikel war: Wie wäre es denn, wenn wir aus einem „Muss“ ein „Möchte“ machen?

Ich möchte meine Buchhaltung machen, weil das einfach zum Business dazugehört und weil ich so einen Überblick über meine Finanzen habe und auf einen Blick sehe, was ich alles geleistet hab (grade bei Texten ist es ja oft so, dass man am Abend gar nicht so viel sieht, was man gearbeitet hat – der Maurer hat da einen echten Vorteil, wenn die Mauer fertig gezogen ist, dann sieht man den Fortschritt). Und weil es ganz nebenbei ein richtig gutes Gefühl ist, wenn ich es dann geschafft habe.

Oder auch „Ich möchte meine Wohnung putzen, weil’s in einer sauberen Wohnung viel schöner ist und ich mich dann wieder wohler fühle.“ „Ich möchte morgens aufstehen, weil ich mich freue, dass ich gesund bin, dass ich einen Job habe, der mir Spaß macht, dass ich umgeben bin von wunderbaren Menschen, die mich mögen und schätzen und die ich mag und schätze.”

Aus dem Müssen ein Wollen machen

Das nimmt dem Muss den negativen Touch, macht es leichter und unbeschwerter, nimmt den Druck aus der Sache. Und meistens gehen so auch die eher ungeliebten Aufgaben leichter von der Hand.

Worte haben nämlich eine große Macht – wir sind uns dessen oft nicht bewusst. Zwar liest mal immer wieder Tipps wie „kein Muss im Text“ oder „ersetze das Wort Problem durch Herausforderung“ und dergleichen, aber wir sprechen und schreiben oft gar nicht bewusst genug, um diese Macht zu spüren, wir merken es manchmal erst hinterher an der Reaktion der Leser bzw. des Gegenübers.

Achtsam schreiben, achtsam sprechen

Achtsamkeit beim Schreiben, Worte achtsam wählen, bewusst mit Worten umgehen – das ist das Handwerkszeug einer Texterin. Aber es ist auch eine gute Übung für alle Nicht-Texter. Denn wir spüren so viel mehr in unsere Texte hinein, spüren mehr der kleinen Nuancen, überlegen uns viel genauer, was wir wie sagen oder schreiben.

Auch in der Kommunikation mit anderen kann eine achtsame Wortwahl wahre Wunder wirken. Nehmen wir das berühmte, wenn auch klischeebehaftete Beispiel: Eine Frau sagt zu ihrem Mann „Du musst den Rasen mähen.“ – da hat er doch gleich keinen Bock drauf! Wenn sie sagt „Würdest du den Rasen mähen?“ oder „Kannst du den Rasen mähen“ ist das gleich was anderes. Zum einen setzt sie ihn weniger unter Druck. Zum anderen lässt sie ihm aber auch die Option zu sagen „Nein, ich habe grade was anderes vor“ oder „Nein, ich wasche gleich das Auto und mähe den Rasen morgen“ oder so.

Bitte oder Befehl?

Wir können das Ganze auch einfach mal umdrehen. Wie reagierst du, wenn man dir sagt „Du musst den Rasen mähen.“ Und wie reagierst du, wenn man dir sagt „Würdest du bitte den Rasen mähen?“ – eigentlich ist es das gleiche in Grün, aber zumindest ich reagiere auf „würdest“ oder „kannst“ viel sanfter als auf „musst“. Und irgendwie finde ich, hat das auch was mit Wertschätzung zu tun. Wenn man dem Gegenüber die Wahl lässt oder ihn um etwas bittet, statt es zu befehlen. Vielleicht steckt da noch ein Rest trotziger Teenager in mir, aber einer Bitte komme ich meistens gerne nach, bei einem Befehl sträuben sich mir die Nackenhaare und ich führe ihn dann nur widerwillig oder auch gar nicht aus.

Ist „müssen“ typisch deutsch?

So ähnlich hat das übrigens auch Jutta Jorzik-Oels in ihrem Beitrag zur Blogparade beschrieben. Darin stellt sie auch Vergleich mit anderen Sprachen an – und siehe da: Müssen ist wohl ein typisch deutsches Wort. Nun bin ich im Finnischen nicht so bewandert, dafür aber recht fit in Englisch. Und da fällt mir auf: Wenn man auf Englisch nach dem Weg fragt, würde keiner Sagen „you must turn left“, sondern „turn left“ oder „you turn left“. Wenn mich meine Sprachkenntnisse nicht komplett verlassen haben, ist das im Italienischen, Französischen und Spanischen ähnlich.

Eine andere Möglichkeit, das Müssen loszuwerden, ist es, einfach zu machen. „Ich mach das einfach“ ist viel toller als „Ich muss das machen“. Dabei muss ich immer an den Slogan von Kerstin Wemheuer denken, #fuckeinfachmachen. Man geht doch gleich mit einer ganz anderen Motivation an eine Sache heran, wenn da ein schwungvolles „Ich mach das einfach!“ davor steht. Findest du nicht auch?

Eine von Vielen oder einfach ich?

Gehen wir noch einmal zurück zu meinem ursprünglichen Hintergedanken für die Blogparade von vor zwei Jahren: Die ganzen Trends, die man angeblich mitmachen muss, die ganzen Gurus, die einem sagen, was man tun muss etc. Ich fühle mich einfach schrecklich unwohl bei dem Gedanken, etwas genau so zu tun wie tausende andere. Wo bleibt denn da die Individualität? Genau die ist doch aber so wichtig für uns als Freiberufler, Solopreneure. Denn hier entscheidet eben doch meistens die Persönlichkeit – denn unser Angebot gibt’s ja nicht nur einmal.

Es gibt zig Texter da draußen, die alle richtig gut sind. Warum sollte jemand ausgerechnet zu mir kommen? Ganz einfach: Entweder, weil ich empfohlen wurde oder weil die Person mich sympathisch findet. Und weil ich eben Dinge auf meine Art mache. Klar bin ich immer dankbar für Tipps und Ratschläge und klar weiß ich, dass ich mich nicht verstecken sollte, sondern eben sichtbar sein. Aber wenn ich austauschbar bin, bringt mir doch auch die ganze Sichtbarkeit nix. Dann geht der Kunde womöglich zu einer Kollegin, weil er uns verwechselt hat. Wie doof ist das denn?

Wenn ich etwas Neues entdecke, dann kann ich sagen: Oh cool, ich probier das jetzt einfach! Nicht, weil es grade ein Trend ist, sondern weil ich Bock drauf hab, gerne Neues ausprobiere und entdecke, um mir selbst ein Bild davon zu machen, ob das zu mir passt oder nicht, ob es meinen Erwartungen entspricht, ob es mir das Leben leichter macht oder nur Zeitverschwendung ist. Der Unterschied ist: Wenn mir jemand sagt, ich müsse das tun, dann schau ich mir das zwar an, aber ohne allzu große Motivation. Wenn ich selbst einfach ausprobieren kann, dann wird meine Neugiernase wach, dann will ich erkunden, verstehen, testen und bin gespannt auf die Ergebnisse.

In diesem Sinne – einen Scheiß muss ich, aber ich mach das jetzt einfach, habe Spaß daran und freue mich aufs Ergebnis!

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