Elke klärt auf: Der mysteriöse Bindestrich

von | 30. Mai 2022 | Rechtschreibung und Grammatik, Schreiben, Sprache, Text

Er ist eines der Mysterien der deutschen Rechtschreibung: der Bindestrich. Gleichzeitig ist er eines der vielseitigsten. Denn Bindestriche werden nicht nur bei zusammengesetzten Wörtern verwendet, sondern auch bei Worttrennungen am Satzende oder zur Gliederung von Texten. Mir geht es in diesem Artikel jedoch darum, wie und wann der Bindestrich bei zusammengesetzten Wörtern zum Einsatz kommt und wann nicht – und warum man auch manchmal die Regeln brechen darf.

Kürzlich durfte ich einen Texte korrigieren, bei dem ich über unterschiedliche Schreibweisen von Begriffen gestolpert bin, die einmal mit Bindestrich geschrieben waren und einmal ohne. Und weil ich selbst beim Schreiben auch immer mal wieder über solche Begriffe stolpere, hab ich mir gedacht: Das Thema ist einen Blog-Artikel wert. Da wären wir auch schon beim ersten Begriff: Ganz korrekt würde es „Blogartikel“ heißen, wenn man dem Duden folgt. Und trotzdem nutze ich den Bindestrich „Blog-Artikel“.

Darf man Rechtschreibregeln brechen?

Jetzt fragst du dich bestimmt „Warum tut sie das? Vor allem, weil sie doch immer so auf korrekte Rechtschreibung pocht?!“ Das hat zwei Gründe. Zum einen, weil ich es so schreiben darf – doch dazu später mehr. Zum anderen, weil ich es als besser lesbar empfinde. Das ist auch der erste Tipp, den ich dir mit auf den Weg geben möchte: Schau dir immer an, wie gut ein Wort in einem Text lesbar ist. Kann man es flüssig lesen oder stolpert man darüber? Wenn man drüber stolpert, solltest du dir überlegen, ob du den Bindestrich nutzen möchtest. Die Klassiker fürs Stolpern (und für die braucht es nicht mal einen ganzen Satz, da reichen die Wörter an sich schon):

  • Altbaucharme
  • Hoffensterchen
  • Zwegelstern
  • Kreischorverband
  • Baumentaster
  • Bratheringe
  • Ministereoanlage
  • Rotzedern
  • Profilachse (nein, nicht Prophylaxe, das ist ne ganz andere Baustelle!)
  • Urinsekten

All diese Wörter sind zwar korrekt geschrieben – aber mal ehrlich, wenn man sie das erste Mal liest, liest man fast immer falsch oder bleibt zumindest beim Lesen dran hängen. Ihnen hätte also ein Bindestrich gut gestanden. Denn eine „Mini-Stereoanlage“ ist viel besser lesbar als ihr ungleicher Zwilling ohne Bindestrich. Und die Zedern sind auch nicht erkältet, sondern einfach nur schön farbig.

Was der Duden zum Bindestrich sagt

Aber kommen wir nun mal zu den eigentlichen Regeln über die Schreibweise mit und ohne Bindestrich. Der Duden legt klar fest, wann ein Bindestrich gesetzt werden MUSS:

  • bei Aneinanderreihungen und Zusammensetzungen mit Wortgruppen, also beispielsweise „Hand-Auge-Koordination“, „Mund-zu-Mund-Beatmung“, „Make-up“ oder „A-Dur-Tonleiter“.
  • bei Zusammensetzungen mit Buchstaben, Ziffern oder Abkürzungen , zum Beispiel „s-förmig“, „8,5-fach“, „y-Achse“ oder „i-Punkt“.

Bei deutschen Wörtern ist es also eigentlich ganz einfach: Wenn mehrere Wörter zu einem Wort zusammengesetzt werden, steht ein Bindestrich dazwischen. Und wenn ein Wort aus einem Wort und einer Zahl oder einem Buchstaben gebildet wird, werden die beiden ebenfalls durch einen Bindestrich verbunden.

Fremdwörter und der Bindestrich

Etwas komplizierter wird es bei Fremdwörtern:

  • Werden zwei Substantive zusammengesetzt, KANN ein Bindestrich gesetzt werden, zwecks der besseren Lesbarkeit, also zum Beispiel „Desktop-Publishing“ statt „Desktoppublishing“ oder „Science-Fiction“ statt „Sciencefiction“.
  • Wenn ein Wort aus dem Englischen, das aus Verb und Partikel (Adverb) besteht, substantiviert wird, setzt man in der Regel einen Bindestrich, man kann es aber auch zusammenschreiben. Das wäre beispielsweise bei „Black-out“ bzw. „Blackout“ der Fall oder bei „Count-down“/“Countdown“ und „Kick-off“/“Kickoff“.
  • Werden mehrere Wörter oder Wortgruppen zusammengesetzt, kommt der Bindestrich zum Einsatz, also zum Beispiel „Boogie-Woogie“, „Do-it-yourself“ oder auch „Do-it-yourself-Programm“ oder

Wenn bei einem zusammengesetzten Fremdwort hingegen der erste Bestandteil ein Adjektiv ist, wird es entweder zusammen oder als zwei getrennte Wörter geschrieben, nicht jedoch mit Bindestrich. Das wäre unter anderem bei „Longdrink“/“Long Drink“ der Fall oder bei „Hotspot“/“Hot Spot“.

Und wie wird der Bindestrich in der Praxis gehandhabt?

So viel zu den Regeln. Doch wie sieht es in der Praxis aus? In dem Text, den ich kürzlich korrigiert habe, kam unter anderem das Wort „Marketing-Manager“ vor. Geht man von den oben genannten Regeln aus, müsste es entweder „Marketing-Manager“ oder „Marketingmanager“ geschrieben werden, denn es sind zwei Substantive, die zusammengesetzt werden. Ich finde die Schreibweise mit einem Wort irgendwie unschön und nicht ganz so gut lesbar. Bleibt also der „Marketing-Manager“.

Und was ist mit der Version ohne Bindestrich? Die ist zwar – gemäß Duden – nicht korrekt, bemüht man aber mal die Google-Suche (haha, mit Bindestrich oder Googlesuche als ein Wort!), sieht man schnell, dass die Praxis hier anders ist als die Theorie. Denn in den meisten Fällen wird „Marketing Manager“ geschrieben, ab und zu „Marketing-Manager“, den „Marketingmanager“ findet man eher selten.

Wir stolpern über Unbekanntes und Ungewohntes

Meinem Empfinden nach ist es auch tatsächlich so, dass wir die Schreibweise „Marketing Manager“ am häufigsten sehen und daher daran gewöhnt sind. Hier muss man nun individuell entscheiden, ob man sich an die gewohnte Schreibweise hält oder an die Regeln. Das hängt natürlich von der Zielgruppe ab. Wenn die Zielgruppe sehr englisch-affin ist, würde ich immer die Schreibweise ohne den Bindestrich nehmen und gar nicht weiter darüber nachdenken. Ist die Zielgruppe eher konservativ und hat mit Englisch nichts am Hut, würde ich mich an die Rechtschreibregeln halten oder alternativ für die eigenen Texte eine Art Richtlinie aufstellen. Meiner Kundin habe ich geraten, sie soll sich darüber Gedanken machen und dann vor allem eines tun: Es immer einheitlich schreiben, also entweder alles mit oder alles ohne den Bindestrich. Und das ist auch der allerwichtigste Tipp, den du aus diesem Artikel mitnehmen kannst: Entscheide dich für eine Schreibweise und bleib dabei.

Warum Lesbarkeit manchmal wichtiger ist als Regeln

Für mich selbst – also wenn’s um Texte für meine Website geht – entscheide ich immer nach Lesbarkeit. Es muss flüssig zu lesen sein. Denn mal ehrlich: Die wenigsten kennen alle Rechtschreibregeln so genau, dass das auffällt. Ich bin durchaus bereit, die Regeln zu brechen, wenn ich es dadurch meinen Leserinnen leichter mache. (Übrigens auch ein Grund, warum ich mit dem Gendern manchmal so meine Schwierigkeiten habe – mir ist die Notwendigkeit bewusst, aber manche Blüten, die das Gendern treibt, empfinde ich als schmerzhaft, weil es Texte schwerer lesbar macht. Klar, das kann man vermeiden, dafür gibt es fast immer einen Weg. Wird aber eben oft nicht gemacht. Allerdings finde ich es sehr spannend, wie sich unsere Sprache als lebendiges Konstrukt in den nächsten Jahren entwickeln wird. In meiner Teenie-Zeit war es beispielsweise noch verpönt, „geil“ zu sagen, heute ist das Wort fast schon antiquiert. Aber ich schweife mal wieder ab…)

Wo wir gerade bei den Texten für meine Website etc. sind, fällt mir auch der Blog-Artikel wieder ein. Legt man die Regel für Fremdwörter zugrunde, dann ist der Blog-Artikel durchaus richtig. Allerdings ist Artikel kein Fremdwort. Hier kann man aber die Regel anwenden, dass man einen Bindestrich setzen KANN, wenn man einzelne Bestandteile hervorheben möchte. Also ist die Schreibweise mit dem Bindestrich neben der ohne doch korrekt. Ich gebe aber zu, dass ich mir darüber auch lange Gedanken gemacht habe, bis ich an den Punkt kam und die Regeln nochmal ganz genau nachgelesen habe. Und wie geht’s euch mit dem Bindestrich? Seid ihr auch schon mal darüber gestolpert?

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